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:: Die Photographenfamilie Renard ::

Gregorius Renard und seine Ehefrau Henriette
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Ausschnitt aus einer Daguerreotypie: Das Selbstporträt zeigt Gregorius Renard mit seiner Frau Henriette in seinem Atelier in Kiel. Es wurde im Jahre 2012 zufällig von Inger Friström, einer Ur-Enkelin von Fredrik Renard in Schweden gefunden und dem Autor [Bernd Renard] geschenkt. Das Bild wird vermutlich ein Geschenk unter Brüdern gewesen sein. (Datierung um 1850)


Gregorius Renard ist der Firmengründer der heute noch bestehenden ältesten Photographenfirma weltweit. Die Firma "Foto-Renard-Kiel" ist 165 Jahre in direkter Linie bis zum Jahre 2008 in den Händen der Familie geblieben.

Gregorius gehörte mit zu den Ersten im Lande, die nicht nur daguerreotypierten, d.h. Lichtbilder auch auf Papier herstellten. Zusätzlich ist er den Photographen zuzurechnen, die bald mit Photozubehör, Photoapparaten und Chemikalien handelten, ein Erwerbszweig, der von anderen Berufskollegen nicht gern gesehen wurde. Früh konnte er stereoskopische Porträts und Ansichten liefern. Als ernanntes Mitglied ds Deutschen Photographenvereins hat er dazu beigetragen, dass der Beruf des Photographen während der 80er Jahre als Ausbildungsberuf anerkannt wurde. Auch darf man ihn zu den ersten Marinephotographen in Deutschland zählen.


1. Renard-Photographen-Generation

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Gregorius Renard, Friedrich Waldemar (Woldemar de) Renard und Friedrich (Fredrik) Renard.


2. Renard-Photographen-Generation

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3 Söhne von Gregorius Renard.
Friedrich Waldemar, Traugott Otto Maximilian und Cay Jacob Arthur.


2 Söhne von Friedrich (Frederik) Renard
Traugott Renard und Herman Renard


3. Renard-Photographen-Generation

1 Sohn von Otto Renard
Rudolf Renard

3 Söhne von Arthur Renard
Gregor Renard, Albert Renard, Rudolf Walther Renard


4. Renard-Photographen-Generation

1 Tochter von Rudolf Renard
Ingeborg Renard

1 Sohn von Walther Renard
Gregor Renard


5. Renard-Photographen-Generation

1 Sohn von Gregor Renard
Bernd Renard


6. Renard-Photographen-Generation

1 Tochter von Bernd Renard
Daniela Müller


Die Brüder Renard
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Die Brüder von links nach rechts Waldemar, Arthur und Otto Renard.


Die Geschwister Gregor, Frieda, Albert und Walther Renard
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Die Geschwister links Gregor, mitte Frieda, rechts Albert und unten Walther Renard.


Brief an meinen Ur-Urgroßvater Gregorius Renard oder „Wenn das der alte Renard wüsste!“

Lieber Opa Gregor, bitte lass mich Dich so nennen, denn, Ur-Urgroßvater macht uns beide so alt. Leider habe ich Dich persönlich nicht kennen gelernt, denn ich hätte Dir so viel zu berichten und viele hundert Fragen an Dich. Nun ist es mir ein Bedürfnis, auf diesem Wege mit Dir zu kommunizieren.

Ich war noch ein Lehrling, da schenkte mir ein netter Kunde eine Daguerreotypie, die Du, lieber Opa Gregor, von einem Herrn aufgenommen hattest. Ich glaube, damals zu Deiner Zeit sagte man: „Können Sie mir mal den Kopf abnehmen?“ Heute wäre das missverständlich. Ich hatte das Wort Daguerreotypie nur einmal kurz gehört und konnte mir darunter nichts vorstellen. Nun aber besaß ich selbst eine, und sogar von Dir gemacht. Dieses kleine hübsche Bildchen hat mich derart in den Bann gezogen, dass ich anfing zu recherchieren. Meine Lehrer kannten auch nicht viel von dieser Art der Photographie, und so musste ich mir Bücher besorgen. Etwas später belehrte mich Georg Laage, ein Kriegskamerad meines Vaters, der gerade damit beschäftigt war, mehr über Dich und Deine Kinder in Erfahrung zu bringen. Er hatte dann im Jahre 1967 über unsere Familie ein Buch geschrieben. Nun wusste ich mehr über unsere Herkunft, aber nichts über die Anfänge der Photographie, so wie Du sie erlebt hast. Was konnte ich tun? Die Stadtbücherei half auch nicht wirklich weiter, aber wir haben ja in Kiel eine gute Universitätsbibliothek. Da hatte ich einen Teilerfolg und konnte nachlesen, wie Du das alles gemacht hast. Aber, Deine Frau, Oma Sophie hat ja durch Unvorsichtigkeit alle ihre Zähne verloren. Das wollte ich mit meinen 20 Lenzen natürlich nicht, und deshalb begab ich mich ins „Anorganische Institut“ der Uni Kiel. Dort fand einen sehr hilfreichen Chemiker, der sich für die Thematik ebenfalls interessierte. Durch seine theoretische Hilfe und der Herausgabe einiger Chemikalien, die nicht unbedingt in jeder Drogerie im Regal zu finden sind, begann ich zu „pröbeln“. Ein Jahr noch ging ins Land, um meine erste Daguerreotypie in den Händen halten zu können. Hätte ich Dich an meiner Seite gehabt, so wäre für mich alles viel leichter gewesen. Schade, ich habe oft an Dich gedacht!

Ich habe mich dann auch noch mit den nachfolgenden photographischen Verfahren beschäftigt, aber ich muss Dir sagen, die sind alle schrecklich. Wie konntest Du nur mit den Glasplatten und der flüssigen lichtempfindlichen Schicht loslaufen, die Platten selbst präparieren, belichten, und dann auch noch sofort nach der Aufnahme im nassen Zustand entwickeln. Unglaublich! Ihr Kollegen sollt damals froh und glücklich mit dieser Neuigkeit gewesen sein, ich aber fand sie umständlich und habe es aufgegeben. Ich weiß, ein Bild kostete nun nur noch ca. 1 Prozent der Daguerreotypie und Ihr konntet so richtig loslegen. Stichwort „Carte de Visite“ und „Kabinette“, die Bilder, die auf Pappkarton aufgezogen sind.

Siegel von Otto Renard Wie froh müsst ihr gewesen sein, als Kodak, Agfa und andere Hersteller dann fertige lichtempfindliche Trockenplatten anboten, die Ihr nur noch kaufen, belichten und entwickeln musstet. Ich habe diese Art von Großbildphotographie geliebt und gerne großformatig auf Planfilm photographiert, aber nun wird auch dieses Material bald nicht mehr hergestellt. Die deutsche Photoindustrie gibt es fast gar nicht mehr. Alles kommt aus China und Japan. Erstaunlich, dass die Objektive noch rund und nicht schlitzartig sind.

Dann kam die Zeit der Bildpostkarte. Jeder Mensch verschickte Bilder von Städteansichten, Künstlern, Ereignissen, sammelte diese und die Photographenkollegen lebten nicht schlecht davon. Sie wurden zu Millionen hergestellt und billig durch die Post befördert. Man konnte sie beschriften und jeder konnte sie lesen, aber eigentlich stand nichts Interessantes drauf. Immer das Selbe, nur mit unterschiedlichen Namen. Die Bildpostkarten von Soldaten wurden sogar kostenlos verschickt.

Und dann kamen die Photokünstler. Sie machten Bilder, die niemand brauchte, aber irgendwie hübsch waren. Man benutzte viele verschiedene Papiersorten und die unterschiedlichsten Farben in den seltsamsten Techniken. Die Bilder waren meistens viel größer als die Platten, die Ihr in der Kamera belichtet habt. Die Maler spielten verrückt und hatten Angst, arbeitslos zu werden. Heute wird so etwas gesammelt und teuer bezahlt.

Du hast sicherlich davon gehört, dass man auch bunte Bilder machen kann. Das hatte anfangs nur wenige Freunde gefunden, weil es so kompliziert war, sie herzustellen. Es setzte sich dann aber als normal durch. Richtige Verbreitung fand die Farbphotographie erst nach dem 2. Weltkrieg, das hast Du nicht mehr miterlebt. Heute gibt es wieder Kameras, die nur schwarz-weiß Bilder machen können, weil es als kreativ bezeichnet wird. Du warst offenbar damals bereits sehr fortschrittlich.

Ach und die Laufbildphotographie hast Du ja auch nicht mehr miterlebt. Sogar hier in Kiel hat ein Mann mit Namen Ottomar Anschütz, kurz nach Deinem Tode die ersten bewegten Bilder auf die seltsamste Weise hergestellt. Ich kann es kaum beschreiben, auf einer riesigen Leinwand zappelt es ganz schnell, und man hat diese „Zappelphotos“ heute sogar auf einer Mattscheibe in der guten Stube.

Ich hoffe, Du glaubst mir, wenn ich Dir sage, dass in Amerika einen Herrn Land gab, der gerne photographierte, und seine kleine Tochter einmal zu ihm sagte: „Papa, warum dauert die Bildherstellung so lange.“ Der Papa entwickelte für seine Tochter ein Sofortbildverfahren und gründete die Firma Polaroid, die Material herstellte, das in 1 Minute fertige Bilder bereitete. Er bot auch zahlreiche Kameras an, die die ganze Welt eroberten, weil es so praktisch war. Du musst es mir glauben!

Auszeichnung von Otto Renard Als Du Opa mit Deiner Kamera losgingst, hattest Du immer etwas Besonderes abzulichten. Jedes Bild von Dir hatte einen besonderen Grund zur Aufnahme. Anders heute. Überall wird geknipst. Ich sage immer: „Die Knipsinflation“. Wenn irgendwo etwas los ist, stehen dort sagen wir mal 300 Menschen mit mindestens 300 Kameras, einschließlich Foto-Handys. Das sind Photoapparate, mit denen man auch noch mit jedem anderen Menschen sprechen kann. Kannst Du Dir vorstellen, dass die Bilder sofort auf dem Display zu sehen sind? Ich lüge nicht, wenn ich Dir sage, dass man Bilder auch noch durch die Luft verschicken kann. Das geht elektrisch. Hast Du mal etwas von der Steckdose gehört? Erinnere Dich, da kommt elektrischer Strom heraus und damit konnte man ab etwa dem Jahre 1900 Licht machen, dann, wenn die Sonne untergegangen war.

Wenn bei Dir ein Brautpaar das Atelier betrat, machtest Du zwei oder drei Hochzeitsaufnahmen. Meinem letzten Hochzeitspaar machte ich mehr als 600 Aufnahmen an der Kirche und bei der Feier, die es dann am selben Tage auch noch auf einer DVD bekam. Die wiegt weniger als 10 Gramm. Richtige Bilder benötigen die Auftraggeber nicht mehr. Das erkläre ich Dir später einmal.

Dein Sohn Arthur war Pressephotograph. Er arbeitete für zahlreiche Zeitschriften in Berlin, und Zeitungen in Kiel, die ihn zu Ereignissen bestellten und eine Woche später seine Bilder druckten. Zahlreiche Journalisten und Photographen fuhren bis vor ein paar Jahren los, wenn zum Beispiel an der Nordsee ein alter Wal strandete. Heute knipsen ein oder auch 25 Spaziergänger das Tier, und senden dann das digitale Bild sofort per E-Mail oder sonst wie durch die Luft an eine Redaktion, die noch im selben Moment das Bild mit in die Nachtausgabe der Zeitung übernimmt. Frag mich nicht, wie das geht, aber viele unserer Kollegen werden nun nicht mehr benötigt.

Als sich vor ca. 15 Jahren die digitale Photographie ankündigte, war ich der Meinung, dass das Schwert noch an mir vorüber geht. Weit gefehlt! Ich liebe die Photographie mit allem Licht und Schatten. Die Liebe zur Digitalphotographie ist vielleicht eine Hassliebe. In meiner Wohnung findest Du zahlreiche Kameras von Dir und Deinen Jungs aufgestellt. Ich lebe mit diesen Kameras. Digitalkameras schlummern unauffällig in der Schublade. Sie mussten aber sein, da meine Kunden die Qualität eines Werbephotographen wie mich, an der Größe der Datenmenge, die sie abgeben, bemessen, und nicht an der Aussage der Bilder. Wo sind wir bloß gelandet?

Daguerreotypie Lieber Opa Gregor. Vielleicht bin ich einer der wenigen deutschen Photographen, die Dein Verfahren der Daguerreotypie heute noch beherrschen. Darauf bin ich stolz. Mit Sicherheit habe ich in Schleswig-Holstein mehr as 70 Daguerreotypien von Dir in Museen und privaten Sammlungen gefunden und das ist unübertroffen. So verbindet uns vieles. Gerne wüsste ich mehr von Dir, wo und wann Du gearbeitet hast. Du hast auf Gut Hanerau/Hademarschen für viele Monate bei Deinen Freunden, der Familie Mannhardt gelebt, und wie Gysbert Mannhardt in seinem Tagebuch schreibt, „die ganze Umgegend Daguerreotypiert“. Wo hast du die gelassen? Ich habe nur eine Einzige von der „Mühle Lange“ in Uetersen gefunden. Auch hatte Gysbert Mannhardt eine komplette Ausrüstung bei Dir gekauft. Wo steckt die? Es wäre die Sensation der deutschen Photographiegeschichte, wenn ich sie finden würde.

Noch ein paar Worte zu Deinen drei Söhnen. Waldemar hat seinen Weg gefunden und in Kiel ein großes Geschäft mit bis zu 27 Mitarbeitern aufgebaut. Mit 54 Jahren erlitt er Schiffbruch, wurde von seinem Buchhalter ruinös betrogen, und bereitete sich selbst sein eigenes Ende. Otto war wie Du ein Künstler, und erlangte Ruhm und Ehre. Er war zeitweise, speziell in Moskau ein sehr vermögender und berühmter Photograph, reiste stets sehr unruhig zwischen Brasilien, Italien, Serbien, Berlin und Düsseldorf umher, machte einige Erfindungen und endete im hohen Alter fast mittellos in Deutschland. Mein Urgroßvater Arthur, Dein 3. Sohn, wurde als Photograph ein stadtbekanntes Kieler Original. Er machte sich als etwas schrulliger Marinephotograph, in Kiel genannt „Papa Renard“, überregional einen Namen, und hatte Kontakt mit dem damaligen Kaiser Wilhelm II. Auch ihm habe ich ein schönes Buch gewidmet und sein Lebenswerk zusammengetragen. Ich habe auch noch seine großen Holzkameras. Du kannst stolz auf Deine drei Söhne sein.

Walther Renard Dein Enkel Walther Renard war mein Opa. Er und ich, wir waren wie richtige Freunde. Wir gingen oft zusammen auf die Jagd und hatten die besten Gespräche, über alle Themen dieser Welt. Ein Tabu-Thema gab es nicht. Das wichtigste war: Er hat mir die Liebe zur Natur vermittelt. Viele Jahre lang habe ich gedacht: „Wie soll ich nur leben, wenn mein Opa nicht mehr ist?“ Als es dann soweit war, konnte ich nicht einmal weinen. Ich glaube: „Irgendetwas von ihm lebt in mir weiter.“ Somit ist er nicht von dieser Welt gegangen.

Lieber Ur-Ur-Opa Gregor. Bitte warte auf mich, denn wie Du siehst, wir haben noch vieles zu besprechen. Aber einiges habe ich hier noch zu tun und zu recherchieren, damit unser Gespräch noch interessanter wird. Es gibt vieles zu unserem schönen Beruf zu berichten.


Dein Ur-Urenkel Bernd
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Quelle: Mit freundlicher Genehmigung Archiv Bernd Renard

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::: Diese Datei wurde am 11.09.2014 erstellt und am 04.10.2014 zum letzten Mal aktualisiert :::