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:: Photographieren war anfänglich ein Abenteuer ::

Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie leichtsinnig man im Umgang mit giftigem Chemikalien war. Den heute üblichen Umweltschutz gab es nicht. Der ständige Umgang mit Quecksilber und seinen 70 Grad warmen Dämpfen, mit Jod-, Clor- und Bromdünsten und dem giftigsten aller Stoffe, dem Zyankali als Fixiermittel, setzte der Gesundheit derart zu, dass viele Photographen und deren Hilfen im Labor schon in jungen Jahren starben. Erblindung, Zahnausfall und Sichtum waren erste Anzeichen. Luftabzugsanlagen waren unbekannt und die giftigen Lösungen wurden einfach in die offene Kanalisation und auf Dunggruben geschüttet. Bäder, die überschwappten zogen in die unbehandelten Fußbodenbretter und Balken und stanken einfach vor sich hin. Eine Unart war die Leckprobe, ob die Bilder und Platten genug von den Chemikalien durch Wässerung befreit waren. Schmeckte das Waschwasser noch bitter, so war noch Zyankali drin – unglaublich. Frederik und Woldemar Renard können nicht zu derart leichtsinnigen Photographen zählen, da sie alt geworden sind und Fredrik war schließlich Apotheker. Dieser Berufsstand kannte sich aus mit den Gefahren der Chemikalien und ist zudem noch äußerst penibel.

Etwas besser ging es im Positiv-Labor zu. Die Photopapiere mussten täglich für die anstehende Verarbeitung neu hergestellt und nass gesilbert werden. Belichtet wurde das Papier dann nach der Trocknung oft stundenlang im Sonnenlicht. Wo Platz war, stand im Atelier ein bestückter Kopierrahmen und wartete auf die richtige Lichtschwärzung. Die Belichtungszeit variierte ja nach Tageslicht, Bewölkung und Jahreszeit.

Arthur Renard im Labor
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Arthur Renard und Mitarbeiter im Labor.

Dazwischen saßen die Retuscheure, die undankbare Aufgaben hatten. Die wunderbarsten Verlangen mussten bedient werden: Frau A möchte 20 Jahre jünger aussehen, Herr B wünschte Haare auf seinem Kopf zu sehen, und Herr C möchte eine andere Nase, da er eine Heiratsanzeige aufgeben möchte. Der Soldat D hätte gerne bereits die Orden und Dienstgradabzeichen, die ihm in den nächsten Jahren wohl zustehen, auf dem Photo gesehen. Oft waren die Retuscheure die eigentlichen Künstler. Auch wurde aus der Retusche in großen Betrieben eine Fließbandarbeit gemacht. Der eine konnte besser die Falten entfernen, der andere retuschierte den Hintergrund, der nächste machte die Vignetierung und der letzte setzte die Lichter auf und senkte die Schatten ab. Porzellanköpfe waren das Resultat.

Das Hauptgeschäft fand am Sonntag statt. Erstens hatte man nur diesen einzigen arbeitsfreien Tag in der Woche, zweitens konnte dann die Familie zusammentreffen und drittens war man ohnehin im Sonntagstaat gekleidet. Eine andere Zeit zum „abnehmen“ beim Photographen gab es nicht.

Photoatelier um 1900
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Photoatelier um 1900.

Bleibt nur noch ein Blick auf die reisenden Operateure zu werfen, so wie wie Woldemar Renard seine berufliche Laufbahn begann. Sie befriedigten die Porträtwünsche der einfachen Landkundschaft. Meistens mussten sie den bösen Blick der sesshaften Kollegen standhalten und hatten zudem noch ihre komplette Ausrüstung mit sich herum zu schleppen. Ihr Freilicht-Atelier bestand aus einem aufrollbaren Stoffhintergrund, der an einem Zaun oder Baum genagelt wurde. Eine Kopfstütze noch, mehr war nicht möglich. Neben der Kamera mit Stativ und einem Laborzelt zu befördern. Die gesamte Ausrüstung wurde nicht selten per „Pferd und Wagen“ oder mit einer „Schrott´schen Karre“ befördert. Tage vorher kündigte man sich durch Anschläge an der Dorfeiche oder durch Anzeigen in der Zeitung an. Genächtigt wurde meistens im Hotel oder billiger im Gästezimmer auf einem Hofe. Wenn dann ein Bauer sein Haus mit aufgestellter Familie und das Gesinde ablichten ließ, bestand eine größere Chance für mehr Abzüge oder Nachbestellung für abgelichtete Personen.
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Quelle: Mit freundlicher Genehmigung Archiv Bernd Renard

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::: Diese Datei wurde am 15.09.2014 erstellt und am 26.09.2014 zum letzten Mal aktualisiert :::